Was wir tun
Tagebücher, Lebenserinnerungen und Briefwechsel sind sehr persönliche Dokumente und gleichzeitig von großer Aussagekraft. Autobiographische Aufzeichnungen machen historische Ereignisse und Zeitläufe eindrücklich nachvollziehbar. Diese "Egodokumente" sind wichtige Quellen für die Geschichts- und Kulturwissenschaft vor allem für die Erforschung der Alltags- und Mentalitätsgeschichte. Leider landen solche wertvollen Dokumente nur allzu oft im Keller oder auf dem Müll, wenn die Nachkommen den Bezug zu den schreibenden Vorfahren verlieren oder die Schrift nicht lesen können.
Das Deutsche Tagebucharchiv (DTA) in Emmendingen versteht sich als Ort für die fachgerechte Aufbewahrung privater Lebensgeschichten aus dem deutschsprachigen Raum. Während die Archivierung staatlichen und kommunalen Schriftguts schon lange eine Selbstverständlichkeit war, gab es in Deutschland keine öffentliche Einrichtung, die sich persönlicher Zeitzeugnisse annahm. Erst die Gründung des Deutsche Tagebucharchivs e.V. in Emmendingen am 14. Januar 1998 durch Frauke v. Troschke schuf ein Zuhause für Tagebücher, Lebenserinnerungen und Briefwechsel von Privatpersonen. Jetzt können diese Zeugnisse individueller Lebensgeschichten nicht mehr verloren gehen. Das DTA sammelt nicht Texte herausragender Persönlichkeiten aus Geschichte, Politik und Kultur. Im Sinne einer Geschichte "von unten" bewahrt es Betrachtungen und Lebensgeschichten von "jederfrau und jedermann". Die Dokumente werden im DTA gelesen, inhaltlich erschlossen und für Nutzer (Wissenschaftler, Studenten, Journalisten, Schülergruppen und Privatpersonen) zugänglich gemacht.
Einsender aus ganz Deutschland schicken nicht nur Funde aus Nachlässen, die bis zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zurück reichen, ins Deutsche Tagebucharchiv. Es treffen auch regelmäßig vielfältige Aufzeichnungen von Zeitgenossen ein. Der Wunsch, noch zu Lebzeiten mit den Erfahrungen und Eindrücken gehört bzw. gelesen zu werden, kann hier erfüllt werden.
Bisher wurden im Deutschen Tagebucharchiv autobiographische Dokumente von über 2.300 Autoren gesammelt. Dabei handelt es sich um einzelne kleine Tagebücher - aber auch um ganze "Lebenswerke" von mehreren tausend Seiten. Der Gesamtbestand setzt sich mittlerweile aus über 8.500 Tagebüchern, Lebenserinnerungen und Briefwechseln zusammen.
Statistische Daten zum Bestand des DTA

In den vergangenen Jahren nahm die Zahl Zeitzeugnisse, die dem DTA zur Verfügung gestellt wurden, stetig zu. Seit 2006 hat sich die Zahl der jährlich eingesandten Tagebücher, Erinnerungen und Briefwechsel auf einem hohen Niveau eingependelt.

Dieses Schaubild vermittelt das Alter der Autoren zur Zeit der Niederschrift ihrer autobiografischen Dokumente.

Aus den persönlichen Angaben der Autoren, die das DTA im Rahmen der Vertrags-Korrespondenz erfragt, gehen unter anderem die ausgeübten Berufe hervor.

Der DTA-Bestand beinhaltet derzeit persönliche Dokumente von rund 2.300 Autoren. Das Schaubild verdeutlicht die Zeiträume, über die in den Lebenszeugnissen berichtet wird.
Lesegruppen
Die Arbeit der Leser steht im Zentrum der Archivarbeit. Ihre Aufgabe ist es, die beim DTA eingegangenen Tagebücher, Erinnerungen und Briefe zu lesen und inhaltlich zu erschließen. Derzeit lesen rund 80 Ehrenamtliche Dokumente für das DTA, wobei ungefähr die Hälfte in der näheren Umgebung Emmendingens und Freiburgs lebt ("interne Leser") und die andere Hälfte aus dem gesamten Bundesgebiet stammt ("externe Leser"). Die Leser aus der näheren Umgebung treffen sich einmal monatlich in einer der beiden Lesegruppen des DTA, die jeweils von zwei Leiterinnen fachlich betreut werden: Anja Quecke und Dr. Christa van Husen leiten die Montagsgruppe, Rica Lorbeer und Jutta Jäger-Schenk die Mittwochsgruppe. Die Lesegruppenmitglieder lesen die Texte zuhause und füllen einen umfassenden inhaltlichen Erfassungsbogen dazu aus, der die Grundlage für den Datenbankeintrag des jeweiligen Dokuments bildet.
Bei den Lesegruppen-Treffen stellen die Leser einander die ausgewerteten Texte vor, können Fragen klären und Lese-Erfahrungen austauschen. Häufig ergibt sich eine angeregte Diskussion zu inhaltlichen Themen. Die Lesegruppenleiterinnen halten die Leser über Entwicklungen im DTA auf dem Laufenden und beziehen sie in die Textauswahl für Lesungen und andere öffentliche Veranstaltungen des DTA mit ein. Schon bei zahlreichen Veranstaltungen konnten sich Leser mit ihrem reichen Dokumenten-Erfahrungsschatz durch das Einbringen von Textvorschlägen, durch Vortragen von Texten oder als Interviewpartner von Autoren beteiligen.
Die externen Leser, die nicht zu den Treffen kommen können, erhalten die Dokumente auf dem Postweg. Sie senden diese gemeinsam mit den Erfassungsbögen an das DTA zurück. Ihre Lesetätigkeit wird von Rosemarie Werdnik und Dr. Gisela Krause koordiniert. Das DTA informiert auch sie über die aktuellen Entwicklungen und steht ihnen jederzeit bei Fragen zur Verfügung. Im April 2010 veranstaltete das DTA erstmals ein Lesertreffen, zu dem alle Leser nach Emmendingen eingeladen wurden.
Grundsätzlich kann jede und jeder Interessierte in den Lesegruppen mitarbeiten. Voraussetzung ist satzungsgemäß die Mitgliedschaft beim Deutschen Tagebucharchiv e.V. Kenner alter deutscher Schriften sind besonders willkommen.
Weitere Leser willkommen!
Das DTA freut sich über neue Leser, die bereit sind, Tagebücher, Erinnerungen und Briefe zu lesen und auszuwerten.
Wenn Sie Interesse an privaten Lebenszeugnissen mit ganz unterschiedlichem geschichtlichem und politischem Hintergrund haben und sich die Zeit zum Lesen und Auswerten der Texte nehmen können, dann melden Sie sich bitte bei uns.
Über das Schreiben und das Lesen autobiographischer Texte
von Prof. Dr. J. v. Troschke
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Wie steht es mit den Frauen und Männern, deren Tagebücher, Lebenserinnerungen, Autobiographien und Privatbriefe das Deutsche Tagebucharchiv sammelt und interessierten Lesern zur Einsichtnahme zur Verfügung stellt. Beim Verfassen ihrer Texte konnten sie noch nicht davon ausgehen, dass diese später von anderen gelesen werden. Viele führen ein Tagebuch, gerade weil sie niemanden haben, dem sie ihre Erlebnisse mitteilen können, der sich für ihre Gedanken und Gefühle interessiert. Für sie ist das Tagebuch ein wichtiger Kommunikationspartner, dem man alles sagen kann, der unendlich geduldig ist, niemals widerspricht oder korrigiert.
Die Motive zum Verfassen autobiographischer Texte sind verschiedenartig ebenso verschiedenartig, wie die Motive, die uns veranlassen, uns für die von anderen Menschen verfassten autobiographischen Texte zu interessieren und darin zu lesen. Dabei kann man grundsätzlich die These aufstellen, dass die Verfasser immer auch Narzissten sind, ebenso wie den Lesern voyeuristische Motive unterstellt werden können. Der Reiz des Privaten liegt eben darin, dass dieses normalerweise verborgen wird und nicht jedermann einsichtig ist. Die Lust an der Beschäftigung mit der eigenen Person versteht sich auch im Kontext sozialer Normen, die eben dieses als unziemlich bewerten und im Kontext religiös begründeter Werte als Eitelkeit verdammen. So gesehen hat sowohl das autobiographische Schreiben wie das Lesen autobiographischer Texte den Reiz dessen, was man eigentlich nicht tun sollte und deshalb umso mehr zu tun motiviert ist.
(...)
Lebenserinnerungen werden in unterschiedlichen Lebensphasen und Lebenssituationen verfasst. Es geht um Sichtung, Ordnung und Bilanzierung. Aus einer schier unendlichen Fülle von Erlebtem wird nur ein kleiner Teil erinnert, der wiederum unvollständig und nicht nur deshalb voller Widersprüche ist. Der Fluss des Lebens ist nur selten gradlinig, sondern immer wieder verzweigt, rückläufig, ineinander verschlungen, meandernd und somit aus dem Rückblick schwer zu überschauen. So sieht sich der, der seine Lebenserinnerungen aufschreiben will, nicht nur mit einer verwirrenden Vielzahl von Fragmenten konfrontiert, die zu einem stimmigen und somit überzeugenden Gesamtbild zusammengestellt werden müssen, sondern auch mit dem Phänomen, dass dies nur gelingen kann, wenn diejenigen Teile, die nicht in das Gesamtbild passen, passend gemacht oder fortgelassen werden. Erinnertes Leben ist immer eine Konstruktion, die die Perspektive und Befindlichkeit dessen wiedergibt, der sie gerade zu fassen versucht. Autobiographische Texte dienen auch der Rechtfertigung vor sich selbst und vor anderen. Sie sind wie die Bilder, die wir von uns im Spiegel sehen und nur selten ohne Korrekturen zu ertragen in der Lage sind.
Für den Leser von autobiographischen Texten folgt daraus, dass er davon ausgehen muss, dass es sich nicht nur um die reine Wahrheit handelt, wenn es so etwas überhaupt, bezogen auf den Verlauf eines Menschenlebens geben kann, sondern immer um Konstruktionen, die bewusst oder unbewusst ein bestimmtes Bild herstellen und vermitteln wollen. Der Leser ist gefordert, nicht nur die vermittelten Inhalte zu verstehen, sondern auch zu erkennen, was möglicherweise verschwiegen wurde, was verfälscht oder geändert ist, um einen bestimmten Eindruck zu vermitteln. Damit wird der Leser zum Detektiv, der versucht Indizien für das Verborgene zu erkennen, allzu glatte Aussagen zu dechiffrieren und die Person und ihre Interessen hinter dem Vorgestellten zu erkennen.
(...)
Lebenserfahrungen werden aus verschiedenen Gründen und Anlässen aufgeschrieben, z.B.:
- Schreiben als Vergewisserung der eigenen Person, nach der Maxime „Ich schreibe, also bin ich“:
- Schreiben als eine Form der bewussten Verarbeitung von Erlebnissen, in dem Versuch diese zu verstehen und die damit verbundenen Gefühle zu bewältigen
- Schreiben als Versuch die Komplexität von Lebenserfahrungen in Wort zu fassen, in logischen Aussagen zu ordnen und damit erträglich zu machen. Wobei wir feststellen können, dass der Nutzen für die Gesundheit nachweisbar ist.
- Schreiben als spielerische Erkundung des Selbst, als Ausprobieren von Gedankengängen im Schutz der für andere primär nicht einsehbaren Privatheit des verschlossenen Tagebuches.
- Aufschreiben als eine Möglichkeit des Festhaltens im Fluss der Ereignisse, als Hilfestellung für spätere Versuche des Erinnerns.
- Aufschreiben als Confessio“ im Sinne des Augustinus von Hippo gleichermaßen als „Schuldbekenntnis“ wie als Bekenntnis des Glaubens gegenüber einem allwissenden und alles verzeihen könnenden Gottvaters.
- Schreiben als Zeitzeugenschaft, als Protokollierung dessen, was geschehen ist, um später Zeugnis abgeben zu können (z.B. Tagebuchnotizen von Gefangenen in Konzentrationslagern)
- oder, Schreiben aus Lust am Fabulieren, am Spiel mit den Worten.
(...)
Damit kommen wir zur Frage nach den Motiven zum Lesen von autobiographischen Texten. (…) Wir erweitern unseren Horizont, indem wir uns die Lebenserfahrungen anderer Menschen einverleiben, uns zu Eigen machen und damit unsere Möglichkeiten des Verstehens und Handelns erweitern. Wenn wir lesen, was andere Menschen erlebt haben, wie sie damit umgegangen sind, was sie daraus gemacht haben, können wir nicht nur unsere eigenen Lebensprobleme relativieren, sondern auch das für einen gesunden Menschenverstand so essentielle Gefühl der Demut entwickeln. (…)

Als Ergänzung zu Erinnerungen und Briefen von Carl. Grawinkel (Sig.Nr. 67) wurde dem DTA auch eine 65 Meter lange Funkerrolle übergeben. Diese ist vollständig mit Farb-Zeichnungen bestückt, die Szenen des Kriegs-Alltags im Ersten Weltkrieg darstellen.
Wissenschaftlicher Beirat
Satzungsgemäß ist dem Vorstand ein Beirat zugeordnet, der diesen in wissenschaftlichen Fragen bei der Auswertung der archivierten Dokumente berät. Die Mitglieder des Beirats sind Professoren der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie externe Experten auf dem Gebiet der Biografieforschung.
Prof. Dr. Hans-Helmuth Gander und Prof. Dr. Gabriele Lucius-Hoene wurden als Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats gewählt.
Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats:
Prof. Dr. Hans-Helmuth Gander (Husserl-Archiv, Universität Freiburg, Sprecher)
Prof. Dr. Gabriele Lucius-Hoene (Institut für Psychologie, Universität Freiburg, Stellv. Sprecherin)
Prof. Dr. Gerhard Kongehl (udis Ulmer Akademie für Datenschutz und IT-Sicherheit),
Prof. Dr. Werner Mezger (Institut für Volkskunde, Universität Freiburg)
Prof. Dr. Ulrich Ott (Ehem. Direktor des Deutschen Literaturarchivs und Schiller-Nationalmuseums Marbach)
Prof. em. Dr. Alexander von Plato (Geschichte und Biographieforschung, Lüdenscheid)
Prof. Dr. Albert Raffelt (Universitätsbibliothek Freiburg)
Stefanie Risse, M.A. (Libera Universita Anghiari)
Prof. Dr. Günther Schnitzler (Deutsches Seminar, Universität Freiburg)
Prof. em. Dr. Volker Schupp (Deutsches Seminar, Universität Freiburg)
Prof. em. Dr. Jürgen v. Troschke (Abteilung für Medizinische Soziologie, Universität Freiburg)
Prof. Dr. Ingeborg Villinger (Seminar für Wissenschaftliche Politik, Universität Freiburg)