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| Text-Auszüge aus den Zeitreisebroschüren des DTA | |||
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Damit Sie als Homepage-Besucher sich ein Bild von den Inhalten unserer Textbroschüren machen können, haben wir einzelne Auszüge zusammen gestellt:
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| Zeitreise 1 und 2
TEXTBEISPIEL 1: 1945: „Bombenangriff auf Dresden“ Aus den Familienbriefen von Gisela S. u.a. (Sig.-Nr. 82) Dresden, 25.2.45 TEXTBEISPIEL 2: 1881: "Briefe aus Paris" von Jenny S. (Sig.-Nr. 54) Die junge Jenny S. geht als Gouvernante nach Frankreich. In zahlreichen Briefen schildert sie ihr dortiges Leben. Château de Montessart par Honfleur, Calvados, den 28sten Sept. 1881 Meine liebe, liebe Frau H.! Auch Ihnen sage ich schon heute meine herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage. [...] Es ist doch ein herrlicher Tag, ein Geburtstag in Deutschland, so feierlich und schön und es plaudert sich so gemüthlich bei einem Täschen Chokolade, ich möchte wohl dabei sein, denn alldergleichen unschuldige, gemüthliche Vergnügungen sind hier nicht zu finden und ich sehne mich oft recht danach. Hier ist Alles immer gleich übertrieben, wenn die Damen nicht in glänzenden Toiletten strotzen, dann amüsieren sie sich auch nicht, es ist oft entsetzlich langweilig, denn in Gesellschaften wissen sie auch kaum eine andere Unterhaltung zu führen als immer wieder die Toilettenfrage. In Paris war das anders, der alte Baron ist ein zu gelehrter Herr, um sich lange über solche Dinge zu unterhalten, wenn ihm auch elegante Damen nicht gleichgültig sind, so interessiert ihn doch ein gelehrtes Thema mehr, aber hier wo Madame Pichon Madame Adam und Madame Hennecart die drei Grazien vom Montessart zusammen sind, und die Ehemänner der beiden Letzteren eigentlich Nullen sind, hier ist es unerhört mit der Toilette. - Das Alles wäre ja noch ganz gut, wenn sie dabei nicht so geizig wären für das Nothwendige wie die Meinige es ist. Sie machen sich gar keinen Begriff davon. [...] Man macht mich von Deutschland aus sehr bange und schildert den Deutschenhass in Paris mit den düstersten Farben, derselbe tritt auch wieder mehr hervor, auch in diesen Kreisen. Man hat hier oft Gespräche mit dem General Bourbakki, da geht's über die Deutschen her, da heisst es 'ce cochon de Bismark, ces imbéciles d'Allemands', und dann werden sie so eifrig; wir beiden Deutschen werden dann immer röther, und wenn wir dann oben in unserem Zimmer sind, da brechen wir los und machen unserem Ärger ein wenig Luft. Paris, den 9 ten Nov. 1881 Mit den Kindern geht es einigermassen, man findet, dass sie enorme Fortschritte machen, was mir unbegreiflich ist, und gerade oft, wenn ich ganz verzweifelt bin, macht man mir die schönsten Complimente, so bin ich denn schon zu der Ansicht gekommen, dass man hier nicht viele Ansprüche macht, und nehme es mir nicht mehr sehr zu Herzen, wenn sie nichts gründlich wissen. [...] Madame kann sich nicht viel um ihre Kinder kümmern, des Morgens um 11 Uhr steht sie auf, dann hat sie nach dem Frühstück Besuche zu machen oder zu empfangen, an ihre Toilette zu denken, und abends Diners, Opern und Theater zu besuchen. Wie ganz anders ist doch hier das Leben einer Frau als in Deutschland! Und dabei ist Madame Pichon noch eine der Häuslichsten und Einfachsten. Denken Sie nur, ich habe hier den ganzen Sonntag Morgen meine Stunden zu geben, denn der älteste Knabe kommt nur Sonntags nach Hause um acht Uhr und hat dann schon seine Messe hinter sich. Diese Sonntagsstunden sind mir schrecklich, denn mein holder Schüler, dem natürlich das Lernen am Sonntag nicht gefällt, weiss nichts Besseres zu thun, als seinen Ärger an mir auszulassen, die ersten Male war ich empört, doch bin ich schon soweit gekommen, wie ein geduldiges Opferlamm Alles über mich ergehen zu lassen, das ist das Klügste. Sie können sich denken, wie viel Fortschritte er macht, indem er jeden Sonntag eine Stunde Klavier spielt, die ganze Woche das Piano nicht anrührt und überhaupt nicht musikalisch ist, aber was hilft das Alles, die Musik muss nun einmal hineingetrichtert werden. Darauf hat er eine deutsche und eine englische Stunde, für die er nie lernt, es ist eben die reine Zeitverschwendung. 27.12.[18]84 17, quai d'Anjou, lle Saint Louis, Paris Mme Adam in Fahrt und Aufregung, denn sie wird Schwiegermutter. Seit acht Tagen ist ihre zweite Tochter Braut. Heute, so sagte Mme Adam mir, sei es entsetzlich schwer, einen Mann zu finden in Paris für Mädchen, die nicht mehr Vermögen hätten als ihre Töchter (160.000 Frs bekommen sie nur mit! Hätte ich doch nur die Hälfte). Charlotte hat den Herrn nur vom Fenster aus gesehen, war aber gar nicht abgeneigt, sie wurde ihm vorgestellt. Nun, er konnte wohl zufrieden sein, denn mit Charlotte wird er glücklich. Zeitreise 3
TEXTBEISPIEL: 1977: "Leben pur" von Elvira S., (Sig.-Nr. 116) Elvira S. wird als Tochter eines Schwarzwälders und einer Spanierin in Barcelona geboren und durch die Krankheit des Vaters, der die Familie dann nicht mehr ernähren konnte, kam sie 1937 in den Schwarzwald zur Großmutter. In dieser Firma, die meinen Vater sofort einstellte, lernte er dann auch meine Mutter kennen. Sie war eine wunderschöne Frau. Sie stammte aus einer selbständigen Maurerfamilie, die aber völlig verarmt war. Mutter mußte also arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das tat sie als Handpoliererin in dieser Uhrenfabrik. Sie arbeitete Hand in Hand mit Vater. Es fing ganz langsam an mit dieser großen Liebe, die diese beiden Menschen miteinander verbinden sollte. Er konnte kein Wort Spanisch, sie kein Wort Deutsch. Von seinem wenigen Lohn den er hatte, kaufte er Mutter jeden Tag eine Tafel Schokolade. Die legte er auf den Handaufzug und transportierte diese Lebensfracht in ihr Stockwerk. Doch es kam keine Reaktion von Seiten meiner Mutter. Was beide nicht wußten, die Schokolade hat wochenlang eine andere Spanierin gegessen, ohne was zu sagen. Mutter spürte aber, daß Vater sie gerne sah und verliebte sich eben auch in diesen schönen, großen, blonden Mann. Sie aber wußte sich zu helfen, ihm ihre Liebe zu offenbaren. Sie ließ einen ins Deutsche übersetzten Brief von ihrer Hausärztin schreiben, doch auch diese Nachricht kam nicht oben an. Jedoch eines Tages faßte mein Vater sich ein Herz und bestellte meine Mutter zu einer bestimmten Laterne an der Placa Catalunia. Mutter wollte also um 19.00 Uhr von zu Hause weg, doch das ging ja in jener Zeit in Spanien nicht, es gab keine Erlaubnis weg zu gehen. Dann versuchte sie es mit "Milch holen". Endlich gab die Mutter nach. Meine Mutter ging also mit der Milchkanne und von weitem sah sie meinen Vater mit Kreissäge, einem modischen Strohhut und Anzug unter der Laterne stehen. Sie schwärmt heute noch von seinem goldenen Haar, das unter dem Hut heraus quoll. Er gab ihr schüchtern die Hand und sie liefen wortlos unter dieser Gaslaterne hin und her. Mutter war ganz aufgeregt, sie mußte doch wieder nach Hause. Wie aber konnte sie ihm sagen, daß sie ihn liebte. Er war ja aus einer ganz anderen fremden Welt, würde er es verstehen, daß ein spanisches Mädchen nicht weg durfte am Abend? Vater spürte die Unruhe dieses wunderschönen Mädchens. Er blieb stehen und nahm meine Mutter ganz zärtlich in die Arme. "Ich liebe dich". "Yo de quiro tambien", antwortete meine Mutter, und wie sie ihrer Mutter erklärte was mit der Milchkanne geschehen war, entzieht sich meiner Kenntnis. Oft erzählte sie, daß auf der Plaza Catalunia 2-Liter-Milch verschüttet wurden, aus Liebe. Zeitreise 4
TEXTBEISPIEL: 1903: "Romreise" von Matthias F. (Sig.-Nr. 119) Auf dem Bahnhof, welcher der schönste Italiens sein soll, war zuerst ein großes Wirrwarr, alles war noch ängstlich und drängte dem Ausgang zu, wo bereits Wagen zur Verfügung standen, in die Quartiere, während andere mit der Straßenbahn fuhren. Zu dieser Verwirrung trug natürlich hauptsächlich der Umstand bei, daß die Leute ihre Führer noch nicht kannten und die Führer ihre Leute nicht. Die Hauptsache ist immer, daß man sich den Namen des Quartiers merkt, sonst ist man übel dran, weil man keinen Menschen versteht. Einige Tage später in Rom ... Es wurde uns nun die erfreuliche Mitteilung gemacht, daß der Kutscherstreik beendigt und wir nun heute Nachmittag per Wagen zu den Katakomben fahren dürfen. Um 9 Uhr war Anfahrt und fuhren die Kerls sehr schnell, insoweit es die abgeschundenen Klepper von Pferden vermochten, denn dieselben hatten 4 Mann zu ziehen, bergauf und bergab, meistens im Trab. Aber fahren können die Italiener, das muß man ihnen lassen, wenn man auch manchmal meinte, es müßte zu einem Zusammenstoß kommen, wenn der eine dem anderen ausweichen oder vorfahren wollte. So täuschte man sich jedesmal und wenn so ca. 10 Kutschen aneinander vorbeifuhren, so gibt das ein ganz ordentliches Getümmel, ja, die Roßlenker machen sich ein Vergnügen daraus und sind nicht wenig stolz auf ihre Leistungen. Auch sind sie gesprächig und wollen einem alles erklären von der Schönheit ihrer Vaterstadt. Aber das ist eben die fatale Geschichte, man versteht eben kein Wort. Im schnellen Lauf gings nun nach den 1/2 Stunde von den Mauern Roms entfernten Katakomben des Hl. Kallixtus an der Via Appia, eines der schönsten Landschaftsbildern Roms. Bevor wir dieselben ganz erreichten (über 2 Stunden vom Petersplatz entfernt) fiel ein tüchtiger Gewitterregen, der über 1/2 Stunde anhielt und da konnte man wieder die "Praktheit", aber auch die Wasserscheu der italienischen Kutscher sehen. Jeder Fuhrmann hat nämlich neben seinem Sitz ein großes Dach, nach Art unserer früheren sogenannten Familiendächer und sobald die ersten Tropfen kamen, hatte der Fuhrmann nichts eiligeres zu tun, als diesen Schirm aufzuspannen und neben sich anzubinden, damit er ja nicht naß werde. Es macht dies einen ganz komischen Eindruck, so ein Kutscher mit dem Schirm auf dem Bock. Aber der Italiener ist eben etwas wasserscheu und denkt wie jener schwäbische Pater, welcher, als er gefragt wurde, ob er sich diese Woche schon gewaschen habe, zur Antwort gab - ein solches Schw. bin ich doch nicht, daß ich mich alle Tage waschen müßte - und so passierte es uns auch manchmal in Italien, daß wir statt 3 Waschschüsseln nur 2 bekamen und der Wert wird sich eben auch gedacht haben, wir werden uns abwechslungsweise waschen, den einen Tag diese, den anderen wieder die anderen. Ja, auf dieser Reise kann man gar manches lernen. Zeitreise 5 - "Briefe"
TEXTBEISPIEL: 1894 "Väter und Söhne" (Sig.-Nr. 218 II 2) Brief von Carl v. W. Mein lieber Karl! Zuerst will ich der einen guten Seite Deines ersten Briefes erwähnen, das ist die Aufrichtigkeit, mit der Du uns alles mitgeteilt. Das anerkenne ich als ein Gutes voll und ganz an und danke Dir dafür, hoffe auch, daß Du das für die Folge beibehalten und stets offenes Vertrauen zu Deinen Eltern, die nur Dein Bestes wollen, behalten wirst. Ich will Dir über die gemachten Schulden keinen Vorwurf machen, sie müssen ein Lehrgeld sein und dürfen sich nicht wiederholen. Aber Du schreibst in so leichter Weise über das Schulden machen, daß mich das doch ordentlich ängstigt. Nun will ich Deine Ausgaben näher beleuchten. An den Kosten des Mittagstisches inklusive des Liebesmahls läßt sich nichts ersparen; aber 40 Mark für Restauration, Theater und Vergnügen ist viel zu hoch, dafür dürftest Du kaum die Hälfte ausgeben. Dagegen erscheint mir der Posten von 8 Mark für Kaffee, Butter und Brot viel zu gering. Es ist ein Beweis dafür, daß Du nur ganz selten des Abends zu Hause, gewöhnlich aber in der Restauration Dein Abendbrot einnimmst. Das ist für einen armen Leutnant zu teuer. Dabei braucht die Kameradschaftlichkeit nicht zu leiden, wenn Du nicht jeden Abend, sondern nur hin und wieder die Restauration besuchst. Du wohnst nun für Deine Verhältnisse zu teuer, warum hast Du denn nicht die 15 Mark billigere Kasernenwohnung behalten? Ich habe damals schon mit dem Kopf geschüttelt, als Du so schleunigst wie möglich die Kasernenwohnung verließest. Ich dachte, wenn Du durch eine angenehmere Wohnung recht viel zu Hause bleibst, dann gleicht sich das wieder aus. Ein wunder Punkt in Deinen Ausgaben scheint mir Deine Kleidung zu sein, für die Du zu viel ausgeben mußt, weil Du, wie mir scheint, noch nicht genügend gelernt hast, mit Kleidung umzugehen, gute Sachen zu schonen und zu konservieren. Es ist dies zwar nicht jedermanns Sache, aber für den Offizier, welcher nicht über große Mittel verfügt, eine absolute Notwendigkeit. Wenn Deine zwei Überröcke sich auch noch so erbärmlich getragen haben, so können dieselben in einem halben Jahre nicht so abgetragen sein, daß beide für das Kasino unbrauchbar sind. Du hast die beiden Überröcke gleichmüßig gebraucht, während der eine geschont, der andere strapaziert werden müßte; dann wäre einer schlecht, der andere gut. Darin wirst Du, lieber Karl noch sehr viel lernen müssen. Daß ins Kasino keine alten Sachen gehören, ist vollkommen richtig, aber geht es nach Tisch zum Dienst, dann tun es auch minderwertige Sachen. Daß Du Dir im vorigen Jahr gleich einen Zivilanzug anschafftest, war auch wohl nicht unbedingt nötig. Es mag ja ganz angenehm sein, einen guten Zivilanzug zu haben, eine Notwendigkeit dürfte es nicht sein und rechtfertigen läßt es sich nur dann, wenn man das Geld dazu erspart und bar übrig hat. Mein lieber Karl, denke reiflich darüber nach und Du wirst einsehen und sagen der Vater hat recht. Wenn Du das so recht und voll einsiehst und Deine Zukunft danach einrichtest, dann ist nichts verloren, aber viel gewonnen. Die paar hundert Mark sollen mich am wenigsten schmerzen, die Geschichte ist dann begraben und vergessen und verbleibt für immer zwischen Dir und Deinen Eltern, die Du stets lieb und wert behalten mögest. Stets Dein treuer Vater C.v.W. Zeitreise 6 - "Jugendzeit"
TEXTBEISPIEL1: 1942: Ein Freund, vor dem man nichts verbergen braucht Aus dem Tagebuch von Jutta G. (Sig.-Nr. 778) Berlin, den 23. November 1942 22. Dezember TEXTBEISPIEL2 : 1945: Aus den Erinnerungen von Otmar E. (Sig.-Nr. 288) Winter 1945 in Breslau. Der 15-jährige Otmar erlebt, wie die Stadt von Bomben und Flammen zerstört wird. Wieder heulten die Bomben und wieder und wieder. Und alles bebte. Dieser helle, fast pfeifende Ton, mit dem man eine abgeworfene Bombe zuerst wahrnimmt, dann wird der Ton immer intensiver, heult wie eine Sirene, wird immer lauter und drohender. [...] Ein ohrenbetäubender Knall - körperlicher Schmerz -. Sturmwind - Dunkelheit - endloses Fallen. [...] Nach dem Höllenlärm: Stille. Da - ein Luftzug. Um mich herum wird es grau. Ich versuche, meine Sprache wieder zu finden. Aber wie Augen und Nase, so ist auch der Mund mit trockenem Mörtelstaub verklebt. (...) In halb hockender und kniender Stellung finde ich mich selbst zwischen Mauerbrocken und losen Ziegelsteinen. Ich komme zu der Erkenntnis, daß ich noch lebe. Ob ich verletzt bin? Und die anderen? Wieder eine Luftbewegung: Wir befinden uns offenbar im Freien. Wo sind wir? Ich will antworten. Aber meine Stimme versagt noch. Neben mir höre ich meine Schwester, und sehe sie grau gegen einen hellen Himmel. [...]der nächste Wind vertreibt den Detonations-Staub, der in der Luft hängt. Wir können uns gegenseitig sehen. Gesicht, Haare, Kleider, alles ist weiß vom Staub. Unser gesamtes Stockwerk besteht nur noch aus Steinbrocken. Wo ist unser Vater? Wir rufen. Überall Steine. Da hören wir einen Ton. Er liegt unter Steinen. Vorsichtig tragen wir die Last von ihm ab. Unser Vater stöhnt, aber er lebt. Um uns tobt weiter der Krieg. Aber unser Vater braucht Hilfe. Er liegt da eigenartig verrenkt. Ob er etwas gebrochen hat? Wir schaffen das alleine nicht. Ich suche mir einen Weg durch die Trümmer, um Hilfe zu holen. In den überfüllten Kellerräumen des Hinterhauses war nur schwer noch ein Platz zu bekommen. Wir waren nicht die einzigen, die einen Ort zum Überleben suchten. Wie durch ein Wunder hatten meine Schwester und ich (und auch unsere Mutter) nur leichte Verletzungen. Nach längerem Warten hatten wir uns gerade entschlossen, den Keller nochmals zu verlassen, um nach Vater und Mutter zu sehen. Da erkannten wir im spärlichen Licht der Kerzen unsere Mutter. Als sie uns erreicht hatte, sagte sie nur: "Unser Vati ist tot." Zeitreise 7 - "Frauen 1944 bis 1948"
TEXTBEISPIEL: 1944: "Ich glaube fest daran, daß Du wiederkommst!" Aus dem Tagebuch von Luise S. (Sig.-Nr. 1002) Nach dem Mittagessen am 16. Januar bekam ich von Deinem Kompaniechef den Bescheid, daß du seit 25. November 1943 gegen 15 Uhr vermißt bist. Noch heute, nachdem schon bald eine Woche darüber ist, habe ich es noch nicht ganz begriffen. Geahnt habe ich es schon länger. Ging doch ein Tag wie der andre vorüber, ohne Post von Dir. Und ich weiß doch, daß Du mich nicht hättest so lange ohne Nachricht gelassen, wenn es Dir möglich gewesen wäre zu schreiben. 23. Januar 1944 Zeitreise 8 - "Schule - Lust und Frust"
TEXTBEISPIEL 1 1838: "So wurde nun ... der arme Homer recht philosophisch-dumm tractiert ..." (Sig.-Nr. 644) Schon der 15-jährige Schüler arbeitet intensiv an seiner Persönlichkeit und legt bei sich und anderen beim Streben nach der Reinheit des Geistes, der Wahrheit und der Selbsterkenntnis strenge, hohe Maßstäbe an. 19. Februar Heute morgen hätte man sich wieder sehr mouqiren können in der Schule. Jedoch ich war sehr vergnügt. - O du armer Homer! wie zaust und zerrt man dich bei deinem grauen Haar! Ja, ich bedaure Euch, Helden und Dichter des Alterthums. Wohl nicht habt ihr tapfer gekämpft und jeder Gefahr Trotz geboten, um einst von jedem dummen Jungen in der Schule critisirt zu werden. Nicht rauschten euere Leiern muthige Lieder, lorbeerumkränzte Sänger der Vorzeit, damit sie jetzt auf die jämmerlichste Weise in Prima und Secunda durchgekauet werden. Grauer Homer! Erzürnt würdest du die Saiten deiner Lyra zerreißen, wenn du geahnt hättest, wie man in deinen Gesangen der Helden mit superfeiner Logik die kleinsten Begebenheiten als geschichtliche Facta zerklaubt, an deren Zusammenhang du wohl in deiner hohen Begeisterung wenig denken mochtest. Würdest du wohl deine Lieder wieder kennen, wenn du hörtest, wie man, alle Natur daraus verleugnet und spitzfindig sich über Tittelchen streitet. Nein, gewiß, ihr hättet die Laute ruhen lassen, Sänger des Alterthums, wenn ihr hören müsstet, wie man Eure Lieder als ein Sammelsurium von Vocabeln, Formen und Phrasen betrachtet! So wurde nun auch heute Morgen der arme Homer recht recht philosophisch-dumm tractirt; so dass ich von solcher Langeweile geplagt wurde, dass ich nicht wusste, was ich alles anfangen sollte und unter allerlei dummen Zeuge dem Hl. Rector einen Papierstöpsel an den Kopf schnellte, worüber der nicht wenig betroffen war. TEXTBEISPIEL 2 1986: "Oh - Scheiß - Null Bock" von Lilly A. (Sig.-Nr. 936 / I,2 und 4) Gegenwartsnahes aus dem Schülerleben einer 15- bis 18-Jährigen. 10. Juni 12. Juni Zeitreise 9 - "Leben ist Arbeit - Arbeit ist Leben"
TEXTBEISPIEL1: 1985: "Frau in gehobener Position" aus dem Tagebuch von Heidi C. (Sig.-Nr. 125) 1975 nahm ich an einem 4-wöchigen Kurs zur Wiedereingliederung von Ärztinnen in den Beruf in Berlin teil. Reinhard war durch meine Kur unerwartet mit der Aufgabe konfrontiert worden, neben seinem Beruf Haus und Kinder samt 50 Zweighasen zu versorgen. Er meisterte die Aufgabe bewundernswürdig, trotz Erschwerung durch Mumps und Meningitis, und machte seinen „Freischwimmer“ für emanzipierten Mann und Vater. So konnte ich 1975 in Berlin weilen, ohne Angst um meine Familie und konnte mich medizinisch auf den neuesten Stand des Wissens bringen lassen. Mit meinem Wissen und den mühsam gesammelten Diensterfahrungen wuchs ganz langsam auch mein Selbstwertgefühl. Und mit meinem Selbstwertgefühl wuchs die Erkenntnis des „Guten und Bösen“ die Erkenntnis der Benachteiligung als Frau. Sechs Jahre musste ich mich um die Zulassung zum Amtsarztkurs bewerben - Kollege M. kam fast vom Studium weg ins Amt und direkt zum Amtsarztkurs! Er war enttäuscht, dass er nach seiner Rückkehr nicht sofort stellvertretender Amtsleiter wurde, sondern erst ein bisschen später! Ich bin es bis heute noch nicht und habe wenig Chancen, es zu werden. TEXTBEISPIEL 2: 1986: Arbeitslos Aus dem Tagebuch von Karl B. (Sig.-Nr. 193) Sonntag, 16.11.1986 Montag, 24.11.1986 Zeitreise 10 - "Der 9. November - (k)ein Tag wie jeder andere"
TEXTBEISPIEL 1: Aus „Tagebuch des Heubischer Viktor 1916 - 1932“ von Viktor W. (Signatur 538) Sonntag, 3.11.1918 Sonntag, 10.11.1918 TEXTBEISPIEL 2: Aus dem "Tagebuch 1934-1946" von Daniel L. (Sig.-Nr. 1315) Am 10. November früh um halb 6 Uhr wurden wir aufgeweckt. Auf den Straßen war lebhafter Verkehr. Über den Lilienplatz hinweg flammte eine ungeheure Feuergarbe empor. Die Synagoge stand in hellen Flammen. TEXTBEISPIEL 3: Aus dem "Tagebuch einer Ausreise 1986 1996" von Dietmar R. (Sig.-Nr. 999) 11.11.1989 15.11.1989 Zeitreise 11 - "Ist es Liebe?"
TEXTBEISPIEL 1: "Ich fühle einen Kloß im Hals" - aus dem Tagebuch „Anna“ von Maria S. (Signatur 823) Unsere Nächte werden zu Tagen voller Lachen und Tanzen, unsere Tage zu ungeduldiger Vorfreude. In einem Gewirbel von Schneeflocken bewegen wir uns aufeinander zu, jeden Tag ein Stückchen mehr. Mit heißem Tee in unseren Tassen sitzen wir stundenlang da und reden, er liest mir mit gestelzter Sprache aus einem Buch mit chinesischen Weisheiten vor und ich lache bis mir der Bauch wehtut, wir schwimmen im Solebade unterm Sternenhimmel und beginnen uns zu tunken, nur um unsere Nähe zu spüren. TEXTBEISPIEL 2: "Was drückt mein Herz so zentnerschwer" - aus dem Tagebuch von Anna H. (Signatur 1491) Sonntag, 10.11.1918 "Reisezeit"
TEXTBEISPIEL 1: 1866: "Von Freiburg in den Schwarzwald" Aufzeichnungen einer Wanderung von Ernst Hermann V. Jetzt kamen wir ins Höllenthal, bekannt durch Moreaus Rückzug 1796. Bemerkenswert ist der Falkensteig, der Hirschsprung, wo ein von Jägern verfolgter Hirsch von Felsen zu Felsen oben über das Thal gesetzt habe. Das Thal ist dort so eng, dass es wohl möglich sein könnte. Unten ist die Dreisam, daneben die Straße, dann zu beiden Seiten die senkrecht in die Höhe ragenden himmelhohen Felsen, dass man oben kaum den blauen Himmel sieht. Ein einzeln stehendes Wirtshaus kommt nach dem andern, so dass etwaige Bedürfnisse der Reisenden immer befriedigt werden können. Im Gasthof zum Stern machten wir (der Soldat, Handwerksbursch und ich) über die Mittagszeit Rast. Eine dicke Maid, der Wirtin Schwester, zog die große Spieluhr auf, dass sie famos Musik machte. Ein Gewitter mit gewaltigem Platzregen hielt uns einige Zeit auf. Doch kam bald wieder andauernder Sonnenschein, so dass wir die Reise die Höllensteige hinauf fortsetzten konnten. Oben auf dem Plateau kam ein leerer Leiterwagen hinterdrein, welcher gleich von meinen Reisegefährten okkupiert wurde. TEXTBEISPIEL 2: 1945: Unterwegs in Deutschland Aus den Tagebüchern von Monika T. (Sig.-Nr. 39b) Ach, mein kleiner Michael! So recht wie Zigeuner sitzen wir auf der nassen Straße vor einem Wirtshaus. Da fasse ich mir ein Herz und bitte die Wirtsfrau, ob ich wohl bei ihr das Kleinchen ein wenig waschen dürfte gottlob, sie erlaubt’s und ich komme in einen warmen Raum. So voll Ruß und Staub war das Bübchen, hatte ich es doch nur mit Tee oder Alkohol oder Parfüm reinigen können. TEXTBEISPIEL 3: 1971 Reise in ein Pionierlager in der Sowjetunion Aus dem Tagebuch von Gerlinde F. (Sig.-Nr. 730) 6.8.1971 Ankunft in Kiew "Frauen unterwegs zu Studium und Beruf"
TEXTBEISPIEL 1: 1944: "Mitten im Chaos" Aus dem Tagebuch von Renate P. (Sig.-Nr. 59 c) 21. Juli 1944 TEXTBEISPIEL 2: 1948 - 73: Ost-West-Deutschland Aus „Erinnerungen einer Ärztin“ von Jutta N. (Sig.-Nr. 371) Als der Vater dann 1970 in Bernburg starb, fiel ich wie in ein tiefes Loch. Langsam wurde mir bewusst, dass die eigentliche Motivation meines Verbleibens in dem SED-Staat mit seinem Tod nicht mehr vorhanden war. Als die Geschwister nach der Beerdigung wieder rüberfuhren, war es auch ihnen klar, dass ich nicht mehr dort bleiben könnte. Aber es gab ja noch gar keine offiziellen Möglichkeiten der Ausreise in meiner Situation. Man begann erst zaghaft in der neuen SPD-FDP-Koalition in Bonn, Kontakte in der DDR zu intensivieren. Frank knüpfte Kontakte zum Gesamtdeutschen Ministerium. Dort wurde ihm in meinem Fall wenig Hoffnung gemacht, mich legal rüberzukriegen. Einen illegalen Fluchtweg mit hohen Kosten und dem Risiko des Scheiterns lehnte ich ab. So zogen sich die Verhandlungen über drei Jahre hin. TEXTBEISPIEL 3: 1994: „Ausbildung und Schwangerschaft“ - aus „Anna“ von Maria S. (Sig.-Nr. 823) Ein endloses Herumgerenne beginnt zwischen Schulverwaltung, Klinikumsverwaltung, Sozialamt, AOK und anderen Ämtern. Ich fühle mich psychisch und körperlich total am Ende. Lars meint, dass ich selbst schuld wäre, dass alles so gekommen wäre, weil ich keinen Druck gemacht hätte. Mit Druck hat das Ganze aber nichts zu tun. Es liegt an einem Fehler der für mich zuständigen Bearbeiterin. Ihr Vertreter schiebt mir die Schuld zu, ich hätte absichtlich falsche Angaben gemacht, und außerdem hätte ich bisher wohl mit meinem Freund zusammen gewohnt. Ich fühle mich total eingeschüchtert, bin schweißnaß, wenn ich vor diesem Menschen sitze.
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