DEUTSCHES TAGEBUCHARCHIV

Leseecke

Text-Auszüge aus den Zeitreisebroschüren des DTA

Damit Sie als Homepage-Besucher sich ein Bild von den Inhalten unserer Textbroschüren machen können, haben wir einzelne Auszüge zusammen gestellt:

Zeitreise 1 und 2

TEXTBEISPIEL 1:

1945: „Bombenangriff auf Dresden“ Aus den Familienbriefen von Gisela S. u.a. (Sig.-Nr. 82)

Dresden, 25.2.45
Liebe, gute Eltern! Hoffentlich habt ihr inzwischen mein Lebenszeichen erhalten, damit Ihr Euch um mich keine unnötige Sorge macht! Wir haben hier in Dresden inzwischen Unsagbares durchgemacht, was man in Worten nicht schildern kann.
Der Terrorangriff in der Nacht vom 13.-14. Februar machte Dresden einem rauchenden Trümmerhaufen gleich. Schon beim ersten Angriff brannten sämtliche Villen um uns herum und ein unerträgliche Gluthitze drang in unseren Keller. Beißender Qualm ließ uns nicht atmen, nur unsere Mundtücher, die wir naß machten, retteten uns vor dem Ersticken. Die Augen brannten von dem Rauch und Qualm wie Feuer, trotzdem wir Schutzbrillen aufhatten. Die Bomben krachten und wummerten so um uns her, unaufhörlich. Der Luftdruck war so riesengroß, daß er uns einfach an die Wände preßte.
Man hatte das Gefühl, daß das Haus dauernd in die Höhe gehoben und mit einem unerhörten Bums auf die Erde wieder fallengelassen würde. Wir machten alle dann stets automatisch den Mund auf, sonst wäre einem vielleicht das Trommelfell geplatzt.

TEXTBEISPIEL 2:

1881: "Briefe aus Paris" von Jenny S. (Sig.-Nr. 54)

Die junge Jenny S. geht als Gouvernante nach Frankreich. In zahlreichen Briefen schildert sie ihr dortiges Leben.

Château de Montessart par Honfleur, Calvados, den 28sten Sept. 1881

Meine liebe, liebe Frau H.!

Auch Ihnen sage ich schon heute meine herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage. [...] Es ist doch ein herrlicher Tag, ein Geburtstag in Deutschland, so feierlich und schön und es plaudert sich so gemüthlich bei einem Täschen Chokolade, ich möchte wohl dabei sein, denn alldergleichen unschuldige, gemüthliche Vergnügungen sind hier nicht zu finden und ich sehne mich oft recht danach. Hier ist Alles immer gleich übertrieben, wenn die Damen nicht in glänzenden Toiletten strotzen, dann amüsieren sie sich auch nicht, es ist oft entsetzlich langweilig, denn in Gesellschaften wissen sie auch kaum eine andere Unterhaltung zu führen als immer wieder die Toilettenfrage. In Paris war das anders, der alte Baron ist ein zu gelehrter Herr, um sich lange über solche Dinge zu unterhalten, wenn ihm auch elegante Damen nicht gleichgültig sind, so interessiert ihn doch ein gelehrtes Thema mehr, aber hier wo Madame Pichon Madame Adam und Madame Hennecart die drei Grazien vom Montessart zusammen sind, und die Ehemänner der beiden Letzteren eigentlich Nullen sind, hier ist es unerhört mit der Toilette. - Das Alles wäre ja noch ganz gut, wenn sie dabei nicht so geizig wären für das Nothwendige wie die Meinige es ist. Sie machen sich gar keinen Begriff davon. [...]

Man macht mich von Deutschland aus sehr bange und schildert den Deutschenhass in Paris mit den düstersten Farben, derselbe tritt auch wieder mehr hervor, auch in diesen Kreisen. Man hat hier oft Gespräche mit dem General Bourbakki, da geht's über die Deutschen her, da heisst es 'ce cochon de Bismark, ces imbéciles d'Allemands', und dann werden sie so eifrig; wir beiden Deutschen werden dann immer röther, und wenn wir dann oben in unserem Zimmer sind, da brechen wir los und machen unserem Ärger ein wenig Luft.

Paris, den 9 ten Nov. 1881

Mit den Kindern geht es einigermassen, man findet, dass sie enorme Fortschritte machen, was mir unbegreiflich ist, und gerade oft, wenn ich ganz verzweifelt bin, macht man mir die schönsten Complimente, so bin ich denn schon zu der Ansicht gekommen, dass man hier nicht viele Ansprüche macht, und nehme es mir nicht mehr sehr zu Herzen, wenn sie nichts gründlich wissen. [...] Madame kann sich nicht viel um ihre Kinder kümmern, des Morgens um 11 Uhr steht sie auf, dann hat sie nach dem Frühstück Besuche zu machen oder zu empfangen, an ihre Toilette zu denken, und abends Diners, Opern und Theater zu besuchen. Wie ganz anders ist doch hier das Leben einer Frau als in Deutschland! Und dabei ist Madame Pichon noch eine der Häuslichsten und Einfachsten.

Denken Sie nur, ich habe hier den ganzen Sonntag Morgen meine Stunden zu geben, denn der älteste Knabe kommt nur Sonntags nach Hause um acht Uhr und hat dann schon seine Messe hinter sich. Diese Sonntagsstunden sind mir schrecklich, denn mein holder Schüler, dem natürlich das Lernen am Sonntag nicht gefällt, weiss nichts Besseres zu thun, als seinen Ärger an mir auszulassen, die ersten Male war ich empört, doch bin ich schon soweit gekommen, wie ein geduldiges Opferlamm Alles über mich ergehen zu lassen, das ist das Klügste. Sie können sich denken, wie viel Fortschritte er macht, indem er jeden Sonntag eine Stunde Klavier spielt, die ganze Woche das Piano nicht anrührt und überhaupt nicht musikalisch ist, aber was hilft das Alles, die Musik muss nun einmal hineingetrichtert werden. Darauf hat er eine deutsche und eine englische Stunde, für die er nie lernt, es ist eben die reine Zeitverschwendung.

27.12.[18]84 17, quai d'Anjou, lle Saint Louis, Paris

Mme Adam in Fahrt und Aufregung, denn sie wird Schwiegermutter. Seit acht Tagen ist ihre zweite Tochter Braut. Heute, so sagte Mme Adam mir, sei es entsetzlich schwer, einen Mann zu finden in Paris für Mädchen, die nicht mehr Vermögen hätten als ihre Töchter (160.000 Frs bekommen sie nur mit! Hätte ich doch nur die Hälfte). Charlotte hat den Herrn nur vom Fenster aus gesehen, war aber gar nicht abgeneigt, sie wurde ihm vorgestellt. Nun, er konnte wohl zufrieden sein, denn mit Charlotte wird er glücklich.

Zeitreise 3

TEXTBEISPIEL:

1977: "Leben pur" von Elvira S., (Sig.-Nr. 116)

Elvira S. wird als Tochter eines Schwarzwälders und einer Spanierin in Barcelona geboren und durch die Krankheit des Vaters, der die Familie dann nicht mehr ernähren konnte, kam sie 1937 in den Schwarzwald zur Großmutter.

In dieser Firma, die meinen Vater sofort einstellte, lernte er dann auch meine Mutter kennen. Sie war eine wunderschöne Frau. Sie stammte aus einer selbständigen Maurerfamilie, die aber völlig verarmt war. Mutter mußte also arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das tat sie als Handpoliererin in dieser Uhrenfabrik. Sie arbeitete Hand in Hand mit Vater. Es fing ganz langsam an mit dieser großen Liebe, die diese beiden Menschen miteinander verbinden sollte. Er konnte kein Wort Spanisch, sie kein Wort Deutsch. Von seinem wenigen Lohn den er hatte, kaufte er Mutter jeden Tag eine Tafel Schokolade. Die legte er auf den Handaufzug und transportierte diese Lebensfracht in ihr Stockwerk. Doch es kam keine Reaktion von Seiten meiner Mutter. Was beide nicht wußten, die Schokolade hat wochenlang eine andere Spanierin gegessen, ohne was zu sagen. Mutter spürte aber, daß Vater sie gerne sah und verliebte sich eben auch in diesen schönen, großen, blonden Mann. Sie aber wußte sich zu helfen, ihm ihre Liebe zu offenbaren. Sie ließ einen ins Deutsche übersetzten Brief von ihrer Hausärztin schreiben, doch auch diese Nachricht kam nicht oben an.

Jedoch eines Tages faßte mein Vater sich ein Herz und bestellte meine Mutter zu einer bestimmten Laterne an der Placa Catalunia. Mutter wollte also um 19.00 Uhr von zu Hause weg, doch das ging ja in jener Zeit in Spanien nicht, es gab keine Erlaubnis weg zu gehen. Dann versuchte sie es mit "Milch holen". Endlich gab die Mutter nach. Meine Mutter ging also mit der Milchkanne und von weitem sah sie meinen Vater mit Kreissäge, einem modischen Strohhut und Anzug unter der Laterne stehen. Sie schwärmt heute noch von seinem goldenen Haar, das unter dem Hut heraus quoll. Er gab ihr schüchtern die Hand und sie liefen wortlos unter dieser Gaslaterne hin und her. Mutter war ganz aufgeregt, sie mußte doch wieder nach Hause. Wie aber konnte sie ihm sagen, daß sie ihn liebte. Er war ja aus einer ganz anderen fremden Welt, würde er es verstehen, daß ein spanisches Mädchen nicht weg durfte am Abend? Vater spürte die Unruhe dieses wunderschönen Mädchens. Er blieb stehen und nahm meine Mutter ganz zärtlich in die Arme. "Ich liebe dich". "Yo de quiro tambien", antwortete meine Mutter, und wie sie ihrer Mutter erklärte was mit der Milchkanne geschehen war, entzieht sich meiner Kenntnis. Oft erzählte sie, daß auf der Plaza Catalunia 2-Liter-Milch verschüttet wurden, aus Liebe.

Zeitreise 4

TEXTBEISPIEL:

1903: "Romreise" von Matthias F. (Sig.-Nr. 119)

Auf dem Bahnhof, welcher der schönste Italiens sein soll, war zuerst ein großes Wirrwarr, alles war noch ängstlich und drängte dem Ausgang zu, wo bereits Wagen zur Verfügung standen, in die Quartiere, während andere mit der Straßenbahn fuhren. Zu dieser Verwirrung trug natürlich hauptsächlich der Umstand bei, daß die Leute ihre Führer noch nicht kannten und die Führer ihre Leute nicht. Die Hauptsache ist immer, daß man sich den Namen des Quartiers merkt, sonst ist man übel dran, weil man keinen Menschen versteht.

Einige Tage später in Rom ...

Es wurde uns nun die erfreuliche Mitteilung gemacht, daß der Kutscherstreik beendigt und wir nun heute Nachmittag per Wagen zu den Katakomben fahren dürfen. Um 9 Uhr war Anfahrt und fuhren die Kerls sehr schnell, insoweit es die abgeschundenen Klepper von Pferden vermochten, denn dieselben hatten 4 Mann zu ziehen, bergauf und bergab, meistens im Trab. Aber fahren können die Italiener, das muß man ihnen lassen, wenn man auch manchmal meinte, es müßte zu einem Zusammenstoß kommen, wenn der eine dem anderen ausweichen oder vorfahren wollte. So täuschte man sich jedesmal und wenn so ca. 10 Kutschen aneinander vorbeifuhren, so gibt das ein ganz ordentliches Getümmel, ja, die Roßlenker machen sich ein Vergnügen daraus und sind nicht wenig stolz auf ihre Leistungen.

Auch sind sie gesprächig und wollen einem alles erklären von der Schönheit ihrer Vaterstadt. Aber das ist eben die fatale Geschichte, man versteht eben kein Wort.

Im schnellen Lauf gings nun nach den 1/2 Stunde von den Mauern Roms entfernten Katakomben des Hl. Kallixtus an der Via Appia, eines der schönsten Landschaftsbildern Roms. Bevor wir dieselben ganz erreichten (über 2 Stunden vom Petersplatz entfernt) fiel ein tüchtiger Gewitterregen, der über 1/2 Stunde anhielt und da konnte man wieder die "Praktheit", aber auch die Wasserscheu der italienischen Kutscher sehen. Jeder Fuhrmann hat nämlich neben seinem Sitz ein großes Dach, nach Art unserer früheren sogenannten Familiendächer und sobald die ersten Tropfen kamen, hatte der Fuhrmann nichts eiligeres zu tun, als diesen Schirm aufzuspannen und neben sich anzubinden, damit er ja nicht naß werde. Es macht dies einen ganz komischen Eindruck, so ein Kutscher mit dem Schirm auf dem Bock. Aber der Italiener ist eben etwas wasserscheu und denkt wie jener schwäbische Pater, welcher, als er gefragt wurde, ob er sich diese Woche schon gewaschen habe, zur Antwort gab - ein solches Schw. bin ich doch nicht, daß ich mich alle Tage waschen müßte - und so passierte es uns auch manchmal in Italien, daß wir statt 3 Waschschüsseln nur 2 bekamen und der Wert wird sich eben auch gedacht haben, wir werden uns abwechslungsweise waschen, den einen Tag diese, den anderen wieder die anderen.

Ja, auf dieser Reise kann man gar manches lernen.

Zeitreise 5 - "Briefe"

TEXTBEISPIEL:

1894 "Väter und Söhne" (Sig.-Nr. 218 II 2)

Brief von Carl v. W.

Mein lieber Karl!

Zuerst will ich der einen guten Seite Deines ersten Briefes erwähnen, das ist die Aufrichtigkeit, mit der Du uns alles mitgeteilt. Das anerkenne ich als ein Gutes voll und ganz an und danke Dir dafür, hoffe auch, daß Du das für die Folge beibehalten und stets offenes Vertrauen zu Deinen Eltern, die nur Dein Bestes wollen, behalten wirst.

Ich will Dir über die gemachten Schulden keinen Vorwurf machen, sie müssen ein Lehrgeld sein und dürfen sich nicht wiederholen. Aber Du schreibst in so leichter Weise über das Schulden machen, daß mich das doch ordentlich ängstigt.

Nun will ich Deine Ausgaben näher beleuchten.

An den Kosten des Mittagstisches inklusive des Liebesmahls läßt sich nichts ersparen; aber 40 Mark für Restauration, Theater und Vergnügen ist viel zu hoch, dafür dürftest Du kaum die Hälfte ausgeben. Dagegen erscheint mir der Posten von 8 Mark für Kaffee, Butter und Brot viel zu gering. Es ist ein Beweis dafür, daß Du nur ganz selten des Abends zu Hause, gewöhnlich aber in der Restauration Dein Abendbrot einnimmst. Das ist für einen armen Leutnant zu teuer. Dabei braucht die Kameradschaftlichkeit nicht zu leiden, wenn Du nicht jeden Abend, sondern nur hin und wieder die Restauration besuchst.

Du wohnst nun für Deine Verhältnisse zu teuer, warum hast Du denn nicht die 15 Mark billigere Kasernenwohnung behalten? Ich habe damals schon mit dem Kopf geschüttelt, als Du so schleunigst wie möglich die Kasernenwohnung verließest. Ich dachte, wenn Du durch eine angenehmere Wohnung recht viel zu Hause bleibst, dann gleicht sich das wieder aus.

Ein wunder Punkt in Deinen Ausgaben scheint mir Deine Kleidung zu sein, für die Du zu viel ausgeben mußt, weil Du, wie mir scheint, noch nicht genügend gelernt hast, mit Kleidung umzugehen, gute Sachen zu schonen und zu konservieren. Es ist dies zwar nicht jedermanns Sache, aber für den Offizier, welcher nicht über große Mittel verfügt, eine absolute Notwendigkeit. Wenn Deine zwei Überröcke sich auch noch so erbärmlich getragen haben, so können dieselben in einem halben Jahre nicht so abgetragen sein, daß beide für das Kasino unbrauchbar sind. Du hast die beiden Überröcke gleichmüßig gebraucht, während der eine geschont, der andere strapaziert werden müßte; dann wäre einer schlecht, der andere gut. Darin wirst Du, lieber Karl noch sehr viel lernen müssen. Daß ins Kasino keine alten Sachen gehören, ist vollkommen richtig, aber geht es nach Tisch zum Dienst, dann tun es auch minderwertige Sachen. Daß Du Dir im vorigen Jahr gleich einen Zivilanzug anschafftest, war auch wohl nicht unbedingt nötig. Es mag ja ganz angenehm sein, einen guten Zivilanzug zu haben, eine Notwendigkeit dürfte es nicht sein und rechtfertigen läßt es sich nur dann, wenn man das Geld dazu erspart und bar übrig hat.

Mein lieber Karl, denke reiflich darüber nach und Du wirst einsehen und sagen der Vater hat recht. Wenn Du das so recht und voll einsiehst und Deine Zukunft danach einrichtest, dann ist nichts verloren, aber viel gewonnen. Die paar hundert Mark sollen mich am wenigsten schmerzen, die Geschichte ist dann begraben und vergessen und verbleibt für immer zwischen Dir und Deinen Eltern, die Du stets lieb und wert behalten mögest.

Stets Dein treuer Vater

C.v.W.

Zeitreise 6 - "Jugendzeit"

TEXTBEISPIEL1:

1942: Ein Freund, vor dem man nichts verbergen braucht Aus dem Tagebuch von Jutta G. (Sig.-Nr. 778)

Berlin, den 23. November 1942
Liebes Tagebuch! Am Vorabend meines 16. Geburtstages will ich zum ersten Male die Feder ansetzen, um von nun an Dir alle meine großen und kleinen Freuden und Leiden anzuvertrauen. Ich weiß, dass das, was ich Dir zu sagen habe, in Dir versenkt ist, wie in einem Meer. Es ist gut, wenn man einen Freund hat, vor dem man nichts verbergen braucht.

22. Dezember
Liebes Tagebuch! Zwei Tage vor Weihnachten. In den Herzen fast aller Menschen ist jetzt eitel Glück und Sonnenschein. Du magst jetzt wohl staunen, aber ich gehöre nicht zu ihnen. Nein! In meinem Herzen ist es schwarz und leer. Ich habe so gar kein weihnachtliches Gefühl in mir. Es ist erst seit kurzer Zeit und ich weiß, woher diese Öde und Leere stammt. Meine Eltern sind nicht mit mir zufrieden. An allem was ich tue oder sage, haben sie etwas auszusetzen.

TEXTBEISPIEL2 :

1945: Aus den Erinnerungen von Otmar E. (Sig.-Nr. 288)

Winter 1945 in Breslau. Der 15-jährige Otmar erlebt, wie die Stadt von Bomben und Flammen zerstört wird.

Wieder heulten die Bomben und wieder und wieder. Und alles bebte. Dieser helle, fast pfeifende Ton, mit dem man eine abgeworfene Bombe zuerst wahrnimmt, dann wird der Ton immer intensiver, heult wie eine Sirene, wird immer lauter und drohender. [...] Ein ohrenbetäubender Knall - körperlicher Schmerz -. Sturmwind - Dunkelheit - endloses Fallen. [...]

Nach dem Höllenlärm: Stille. Da - ein Luftzug. Um mich herum wird es grau. Ich versuche, meine Sprache wieder zu finden. Aber wie Augen und Nase, so ist auch der Mund mit trockenem Mörtelstaub verklebt. (...) In halb hockender und kniender Stellung finde ich mich selbst zwischen Mauerbrocken und losen Ziegelsteinen. Ich komme zu der Erkenntnis, daß ich noch lebe. Ob ich verletzt bin? Und die anderen? Wieder eine Luftbewegung: Wir befinden uns offenbar im Freien. Wo sind wir? Ich will antworten. Aber meine Stimme versagt noch. Neben mir höre ich meine Schwester, und sehe sie grau gegen einen hellen Himmel. [...]der nächste Wind vertreibt den Detonations-Staub, der in der Luft hängt. Wir können uns gegenseitig sehen. Gesicht, Haare, Kleider, alles ist weiß vom Staub. Unser gesamtes Stockwerk besteht nur noch aus Steinbrocken. Wo ist unser Vater? Wir rufen. Überall Steine. Da hören wir einen Ton. Er liegt unter Steinen. Vorsichtig tragen wir die Last von ihm ab. Unser Vater stöhnt, aber er lebt. Um uns tobt weiter der Krieg. Aber unser Vater braucht Hilfe. Er liegt da eigenartig verrenkt. Ob er etwas gebrochen hat? Wir schaffen das alleine nicht. Ich suche mir einen Weg durch die Trümmer, um Hilfe zu holen.

In den überfüllten Kellerräumen des Hinterhauses war nur schwer noch ein Platz zu bekommen. Wir waren nicht die einzigen, die einen Ort zum Überleben suchten. Wie durch ein Wunder hatten meine Schwester und ich (und auch unsere Mutter) nur leichte Verletzungen. Nach längerem Warten hatten wir uns gerade entschlossen, den Keller nochmals zu verlassen, um nach Vater und Mutter zu sehen. Da erkannten wir im spärlichen Licht der Kerzen unsere Mutter. Als sie uns erreicht hatte, sagte sie nur: "Unser Vati ist tot."

Zeitreise 7 - "Frauen 1944 bis 1948"

TEXTBEISPIEL:

1944: "Ich glaube fest daran, daß Du wiederkommst!" Aus dem Tagebuch von Luise S. (Sig.-Nr. 1002)

Nach dem Mittagessen am 16. Januar bekam ich von Deinem Kompaniechef den Bescheid, daß du seit 25. November 1943 gegen 15 Uhr vermißt bist. Noch heute, nachdem schon bald eine Woche darüber ist, habe ich es noch nicht ganz begriffen. Geahnt habe ich es schon länger. Ging doch ein Tag wie der andre vorüber, ohne Post von Dir. Und ich weiß doch, daß Du mich nicht hättest so lange ohne Nachricht gelassen, wenn es Dir möglich gewesen wäre zu schreiben.

23. Januar 1944
Gestern abend mußte ich aufhören zu schreiben, weil meine Nerven versagten und ich ohnmächtig wurde. Wenn ich auch meine ganze Energie zusammen nehme, Dein ungewisses Geschick nagt unaufhörlich an mir. Frau N. rief am Freitag in heller Aufregung an, sie hatte genau dieselbe Nachricht erhalten wie ich, mit demselben Wortlaut. Ich ging dann des Abends noch zu ihr. Es gelang mir nach stundenlangem Mühen, sie ruhiger zu machen. Ich habe tatsächlich soviel Kraft, um ihr auch noch etwas abgeben zu können. Aber ich habe einen solch festen Glauben, daß du wiederkommst. Den kann mir nichts nehmen. Du mußt einfach wiederkommen. Wir brauchen Dich doch so notwendig.

Zeitreise 8 - "Schule - Lust und Frust"

TEXTBEISPIEL 1

1838: "So wurde nun ... der arme Homer recht philosophisch-dumm tractiert ..." (Sig.-Nr. 644)

Schon der 15-jährige Schüler arbeitet intensiv an seiner Persönlichkeit und legt bei sich und anderen beim Streben nach der Reinheit des Geistes, der Wahrheit und der Selbsterkenntnis strenge, hohe Maßstäbe an.

19. Februar

Heute morgen hätte man sich wieder sehr mouqiren können in der Schule. Jedoch ich war sehr vergnügt. - O du armer Homer! wie zaust und zerrt man dich bei deinem grauen Haar! Ja, ich bedaure Euch, Helden und Dichter des Alterthums. Wohl nicht habt ihr tapfer gekämpft und jeder Gefahr Trotz geboten, um einst von jedem dummen Jungen in der Schule critisirt zu werden. Nicht rauschten euere Leiern muthige Lieder, lorbeerumkränzte Sänger der Vorzeit, damit sie jetzt auf die jämmerlichste Weise in Prima und Secunda durchgekauet werden. Grauer Homer! Erzürnt würdest du die Saiten deiner Lyra zerreißen, wenn du geahnt hättest, wie man in deinen Gesangen der Helden mit superfeiner Logik die kleinsten Begebenheiten als geschichtliche Facta zerklaubt, an deren Zusammenhang du wohl in deiner hohen Begeisterung wenig denken mochtest. Würdest du wohl deine Lieder wieder kennen, wenn du hörtest, wie man, alle Natur daraus verleugnet und spitzfindig sich über Tittelchen streitet. Nein, gewiß, ihr hättet die Laute ruhen lassen, Sänger des Alterthums, wenn ihr hören müsstet, wie man Eure Lieder als ein Sammelsurium von Vocabeln, Formen und Phrasen betrachtet!

So wurde nun auch heute Morgen der arme Homer recht recht philosophisch-dumm tractirt; so dass ich von solcher Langeweile geplagt wurde, dass ich nicht wusste, was ich alles anfangen sollte und unter allerlei dummen Zeuge dem Hl. Rector einen Papierstöpsel an den Kopf schnellte, worüber der nicht wenig betroffen war.

TEXTBEISPIEL 2

1986: "Oh - Scheiß - Null Bock" von Lilly A. (Sig.-Nr. 936 / I,2 und 4)

Gegenwartsnahes aus dem Schülerleben einer 15- bis 18-Jährigen.

10. Juni
UFF. Die Physikarbeit wäre geschafft. Mein Scheiß-Heuschnupfen macht sich wieder bemerkbar. Ausgerechnet! in der Mittagspause hatte ich so einen günstigen Sitzplatz, von wo aus ich Pit sehen hätte können, wenn ich gekonnt hätte! Die Augen rot, die Tränendrüsen in Äktschen. Jetzt nehme ich wieder Tabletten.
Morgen muß ich diese bescheuerten Bundesjugendspiele absolvieren. Oh - Scheiß - Null Bock drauf. Ich freu mich auf nächste Woche. Die genieße ich in vollen Zügen. Stadtbummel, Besuch bei Elke, Eisdiele mit Kati. Gesundheitsamt (kein Genuß) wegen Ferienfreizeit, sonst lesen, faulenzen, Hunde ausführen usw.
Oh, wenn nur diese grausame Mathearbeit gut ausgeht! - Bitte lieber Gott, verzeih mir alles Böse nur straf mich bitte nicht mit einer schlechten Note in Mathe.

12. Juni
Also Mittwoch war der schwärzeste Tag dieses Jahres! Mir war so schlecht aus Angst vo der Mathearbeit und auch so, weil ich erkältet bin. in meinen Kopf wollte nichts rein. Panik brach natürlich aus. Heute in der 2. Stunde war es soweit. Jede Aufgabe angefangen und kein eindeutiges Ergebnis! Ich kriege bestimmt 'ne 6. Aber sie war so schwer. Mir wäre es ehrlich gesagt, gar nicht so brutal ernst, wenn ich 'ne 6 kriegen würde. Mama und Papa sagten, ich sollte es versuchen, wenn's nichts wird, wird's halt nichts. Nun hoffe ich ja doch, daß es nicht gerade 'ne 6 wird.

Zeitreise 9 - "Leben ist Arbeit - Arbeit ist Leben"

TEXTBEISPIEL1:

1985: "Frau in gehobener Position" aus dem Tagebuch von Heidi C. (Sig.-Nr. 125)

1975 nahm ich an einem 4-wöchigen Kurs zur Wiedereingliederung von Ärztinnen in den Beruf in Berlin teil. Reinhard war durch meine Kur unerwartet mit der Aufgabe konfrontiert worden, neben seinem Beruf Haus und Kinder samt 50 Zweighasen zu versorgen. Er meisterte die Aufgabe bewundernswürdig, trotz Erschwerung durch Mumps und Meningitis, und machte seinen „Freischwimmer“ für emanzipierten Mann und Vater. So konnte ich 1975 in Berlin weilen, ohne Angst um meine Familie und konnte mich medizinisch auf den neuesten Stand des Wissens bringen lassen. Mit meinem Wissen und den mühsam gesammelten Diensterfahrungen wuchs ganz langsam auch mein Selbstwertgefühl. Und mit meinem Selbstwertgefühl wuchs die Erkenntnis des „Guten und Bösen“ – die Erkenntnis der Benachteiligung als Frau.
- Aufgaben, die Geld einbrachten, wanderten ganz automatisch auf die Schreibtische der männlichen Kollegen; bei den weiblichen sammelte sich desto mehr von den unbezahlten Verpflichtungen.
- Die Impfungen, die Geld einbrachten, wurden automatisch von den Männern ausgeführt, für die übrigen Impfungen wurden die Frauen eingesetzt.
- Attraktive Positionen wurden ganz automatisch von Männern besetzt, denen tüchtige Frauen mit niedrigen Tariflöhnen zur Seite gegeben wurden.
- In den Südzimmern hatten die Männer ihren Arbeitsplatz, in den Nordzimmern die Frauen. - Meine
Verbeamtung wurde rückgängig gemacht; Dr. M. beschleunigt befördert usw.

Sechs Jahre musste ich mich um die Zulassung zum Amtsarztkurs bewerben - Kollege M. kam fast vom Studium weg ins Amt und direkt zum Amtsarztkurs! Er war enttäuscht, dass er nach seiner Rückkehr nicht sofort stellvertretender Amtsleiter wurde, sondern erst ein bisschen später! Ich bin es bis heute noch nicht und habe wenig Chancen, es zu werden.

TEXTBEISPIEL 2:

1986: Arbeitslos Aus dem Tagebuch von Karl B. (Sig.-Nr. 193)

Sonntag, 16.11.1986
Seit August dieses Jahres habe ich nichts mehr in mein Tagebuch geschrieben. Es war seitdem eine Zeit von vielen Frustrationen, denn ich bin seit dem 1. September arbeitslos. Von 17 Bewerbungsschreiben habe ich bis heute 6 Absagen bekommen, alle anderen sind in der Schwebe. Es ist ein äußerst unzufriedenes Leben, das ich zur Zeit führe. Man ist täglich auf dem Sprung: ist etwas im Briefkasten oder nicht? Es ist schön und nicht schön arbeitslos zu sein, wobei letzteres eindeutig überwiegt.

Montag, 24.11.1986
Heute Nachmittag habe ich mich etwas als „Hausmann“ betätigt und Geschirr gespült, um Helga etwas zu entlasten, wenn sie von der Arbeit heimkommt. Vormittags habe ich wieder eine Bewerbung geschrieben. Ich weiß nicht, die wievielte! Mein seelischer Zustand ist so ziemlich auf dem „absoluten Nullpunkt“, Es kann nur besser werden. Man kann nur noch hoffen und beten. Eine neue Bewerbung, ein neues Spiel, ein neues Glück!

Zeitreise 10 - "Der 9. November - (k)ein Tag wie jeder andere"

TEXTBEISPIEL 1:

Aus „Tagebuch des Heubischer Viktor 1916 - 1932“ von Viktor W. (Signatur 538)

Sonntag, 3.11.1918
Die Abdankung des Kaisers steht bevor. Österreich macht einen Sonderfrieden, in Ungarn, in Wien Revolution, Kaiser Karl auf der Flucht, Habsburg hat auch ausgespielt. Die ganze Woche recht schöne warme Witterung. Unten im Wollngarten geackert, abgenommen, Kompost gefahren.

Sonntag, 10.11.1918
Die politischen Begebenheiten überstürzen sich. Eine ereignisreiche Woche. Der Bolschewismus ist in Deutschland eingedrungen, die neue russische Gesandtschaft hat in dieser Beziehung ihre Schuldigkeit getan. Joffe hat fleißig gearbeitet. Die Aktion nahm in Kiel ihren Anfang, indem die Kriegsschiffe und der ganze Kriegshafen in die Hände der Matrosen kam, ohne dass dabei viel Blut geflossen wäre. Die Offiziere ließen sich meistens widerstandslos verhaften. Ebenso kamen die Stadtverwaltung und die Lebensmittelversorgung in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrates. Die Bewegung pflanzte sich rapid fort über Hamburg, Lübeck, Bremen usw. In Hannover sollen 82 Offiziere erschossen worden sein.

TEXTBEISPIEL 2:

Aus dem "Tagebuch 1934-1946" von Daniel L. (Sig.-Nr. 1315)

Am 10. November früh um halb 6 Uhr wurden wir aufgeweckt. Auf den Straßen war lebhafter Verkehr. Über den Lilienplatz hinweg flammte eine ungeheure Feuergarbe empor. Die Synagoge stand in hellen Flammen.
Später erfuhren und erlebten wir folgendes: Bereits um 2 Uhr nachts waren im Judenschulhof uniformierte SA-Leute erschienen, die in die Kulturgebäude eindrangen, mit Beilen alles kurz und klein schlugen, auf einen Haufen im Innern der Hauptsynagoge zusammentrugen, mit Benzin übergossen und dann in Brand steckten. Die bereits vor Ausbruch des Feuers ausgerückte Feuerwehr beschränkte sich darauf, die umliegenden Häuser zu schützen.
Früh um 8 Uhr war die Hauptsynagoge bereits völlig ausgebrannt. Zwischen halb 11 und 11 Uhr wurde dann die an der Mohrenstraße 30 stehende Synagoge bei Anwesenheit der Polizei von SA-Leuten gleichfalls in Brand gesteckt. Der im Erdgeschoss wohnende Hausmeister (ein Nichtjude) hatte kaum Zeit, seine Möbel zu retten. Erst abends wurden die völlig durchnässten Gegenstände und Betten weggeschafft. Ein „Judenknecht“ könne keine bessere Behandlung verlangen, wurde ihm bedeutet.
Sämtliche Auslagen der jüdischen Geschäfte waren im Laufe der Nacht von Gruppen uniformierter SA-Leute eingeschlagen worden. Die Gegenstände in den Auslagen und den Lagern waren wüst durcheinandergeworfen. Es war ein Bild des Grauens.
Sämtliche Juden, gleichviel welchen Alters und Geschlechts, waren um 3 Uhr früh aus den Betten geholt und auf den Schlageterplatz zusammengetrieben worden. Selbst 70-jährige Frauen und kleine Kinder, darunter Zwillinge von einem Jahr, wurden nicht verschont. Der Rabbiner Dr. B. wurde gesondert bewacht. Kinder schämten sich nicht, denselben anzuspeien. Auch angesehene Männer und Frauen wie der allseitig geachtete Krankenhausdirektor - um wenigstens einen zu nennen - erfuhren keine bessere Behandlung.

TEXTBEISPIEL 3:

Aus dem "Tagebuch einer Ausreise 1986 – 1996" von Dietmar R. (Sig.-Nr. 999)

11.11.1989
Mir geht es schlecht. Ich bin total am Boden. Arbeit ist für mich nur sehr schwer zu finden. Alle sagen mir das ins Gesicht. Aber mein seelischer Zustand hat vor allem etwas mit den Vorgängen in der DDR zu tun. Die politische Entwicklung in der DDR – vor Wochen noch nicht einmal zu ahnen – hat sich in den letzten Tagen überschlagen. In unserer alten Heimat hat es dramatische Veränderungen gegeben. Die ersehnte Reisefreiheit für DDR-Bürger will man jetzt per Gesetz festschreiben. Das alles ist unvorstellbar, absolut unvorstellbar. Aber das Irrationalste ist am 9.11. passiert. Man stelle es sich vor: Am späten Abend sind in Berlin die Grenzübergänge geöffnet worden. Nach 28 Jahren des Mauerbaus waren sie auf einmal offen. Dieses Ereignis von unermesslichem Rang hat selbst in unserem kleinen mittelfränkischen Dörflein Steinach wie eine Bombe eingeschlagen, denn wer hätte das je ernsthaft für möglich gehalten?

15.11.1989
In Leipzig gehen die Montagsdemonstrationen weiter. Aber auch in Berlin und anderswo begibt man sich auf die Straße. Die Demonstranten sind entschlossen, der inzwischen „einsichtigen“, aber zutiefst verhassten Führung des Landes ihr großes Misstrauen zu zeigen. Hoffentlich eskaliert nicht doch noch alles in Gewalt – und damit in ein jähes Ende. Am 13.11. konnte man in Leipzig und anderswo in der Republik neben den mächtigen Rufen „Wir sind das Volk!“ auch eine die deutsche Einheit fordernde Losung hören: „Deutschland einig Vaterland!“ Die Grenzen zwischen Deutschland Ost und Deutschland West sind nach wie vor offen. Es werden ständig neue Grenzübergänge geschaffen. In Berlin tanzen die Menschen immer noch wie trunken vor Glück auf der Mauer. Auch das Brandenburger Tor soll wieder geöffnet werden. Bereits seit dem 10.11. verkaufen sogenannte Mauerspechte abgebrochene Betonstücke des wohl weltweit bekanntesten deutschen Bauwerkes als Souvenir an Touristen. Und wir sitzen hier auf dem Abstellgleis.
Ich fühle mich so beschissen.
Die Geschichte hat uns eingeholt!

Zeitreise 11 - "Ist es Liebe?"

TEXTBEISPIEL 1:

"Ich fühle einen Kloß im Hals" - aus dem Tagebuch „Anna“ von Maria S. (Signatur 823)

Unsere Nächte werden zu Tagen voller Lachen und Tanzen, unsere Tage zu ungeduldiger Vorfreude. In einem Gewirbel von Schneeflocken bewegen wir uns aufeinander zu, jeden Tag ein Stückchen mehr. Mit heißem Tee in unseren Tassen sitzen wir stundenlang da und reden, er liest mir mit gestelzter Sprache aus einem Buch mit chinesischen Weisheiten vor und ich lache bis mir der Bauch wehtut, wir schwimmen im Solebade unterm Sternenhimmel und beginnen uns zu tunken, nur um unsere Nähe zu spüren.
Unsere Tage fallen vom Himmel und wir fangen sie auf wie das Sterntalermädchen staunend und glücklich seine Schürze in den herab fallenden Sternen aufhält. Seine erste Rose – rosarot. Mein Blick als er versucht, sie heimlich hinzulegen. Seine Verlegenheit. Der erste Kuss. Zwei Stunden lang. Schon aufzuhören sich zu küssen ist eine kleine Trennung. Bei der Arbeit klebt mein Blick an der Uhr, die Stunden ziehen sich. Noch nie habe ich so ungeduldig auf jemanden gewartet.

TEXTBEISPIEL 2:

"Was drückt mein Herz so zentnerschwer" - aus dem Tagebuch von Anna H. (Signatur 1491)

Sonntag, 10.11.1918
29. Januar 1841

Was drückt mein Herz so zentnerschwer? Von was ist es so heftig agitiert? Der erste Ball, was brachte er für Wirkungen? Ich ging gestern ganz betrübt ins Museum, da ich glaubte, dem Vergnügen ganz entsagen zu müssen, Walzer zu tanzen. Um zu diesem Tanze nicht aufgefordert zu werden, verkroch ich mich in der hintersten Ecke, allein man fand mich doch. Der junge, schöne von Schweighardt engagierte mich, und ich mußte mit betrübtem Herzen absagen. Doch der Galante ließ es nicht dabei bewenden sondern bat mich gleich auf den nächsten Galopp, den ich mit Vergnügen annahm. Mit gespannter Erwartung sah ich jenem Tanze entgegen, denn es war dann das erste Mal, daß ich mit einer fremden Person tanzte. Sie kam und mein lieber Tänzer empfing mich mit aller Liebenswürdigkeit. Ich war überglücklich und hätte gewünscht, daß diese Tour nie zu Ende ginge. Vor Tisch war dies mein einziges Vergnügen und erst bei Tisch konnte ich wieder fröhlich sein. Ich saß nicht weit von Schweighardt, dem ich öfter mit den Augen begegnete. Nach Tisch wurde eine Polonaise getanzt, die ich wieder mit meinem früheren Tänzer tanzte. Dieser hatte aber nicht genug an diesem Herumlaufen, er engagierte mich von Neuem und zwar auf einen Walzer, davon ich schon so viele ausgeschlagen hatte; ihm konnte ich aber nicht widerstehen. Ich tanzte und befand mich wohl, nur schade, daß ich zu spät angefangen hatte. Schweighardt ließ mich deutlich merken, daß ich ihm nicht gleichgültig war und sagte mir, daß er sich schon wieder auf den nächsten Hofball freue, um mich dort zu sehen..

Zeitreise 12 - "20 Jahre Mauerfall"

Zwei Textbeispiele aus dieser Broschüre finden Sie hier.

Autobiographietage - "Wenn ich mir was wünschen dürfte"

Zwei Textbeispiele aus dieser Broschüre finden Sie hier.

"Reisezeit"

TEXTBEISPIEL 1:

1866: "Von Freiburg in den Schwarzwald" Aufzeichnungen einer Wanderung von Ernst Hermann V.
(Sig.-Nr. 383)

Jetzt kamen wir ins Höllenthal, bekannt durch Moreaus Rückzug 1796. Bemerkenswert ist der Falkensteig, der Hirschsprung, wo ein von Jägern verfolgter Hirsch von Felsen zu Felsen oben über das Thal gesetzt habe. Das Thal ist dort so eng, dass es wohl möglich sein könnte. Unten ist die Dreisam, daneben die Straße, dann zu beiden Seiten die senkrecht in die Höhe ragenden himmelhohen Felsen, dass man oben kaum den blauen Himmel sieht. Ein einzeln stehendes Wirtshaus kommt nach dem andern, so dass etwaige Bedürfnisse der Reisenden immer befriedigt werden können. Im Gasthof zum Stern machten wir (der Soldat, Handwerksbursch und ich) über die Mittagszeit Rast. Eine dicke Maid, der Wirtin Schwester, zog die große Spieluhr auf, dass sie famos Musik machte. Ein Gewitter mit gewaltigem Platzregen hielt uns einige Zeit auf. Doch kam bald wieder andauernder Sonnenschein, so dass wir die Reise die Höllensteige hinauf fortsetzten konnten. Oben auf dem Plateau kam ein leerer Leiterwagen hinterdrein, welcher gleich von meinen Reisegefährten okkupiert wurde.

TEXTBEISPIEL 2:

1945: Unterwegs in Deutschland Aus den Tagebüchern von Monika T. (Sig.-Nr. 39b)

Ach, mein kleiner Michael! So recht wie Zigeuner sitzen wir auf der nassen Straße vor einem Wirtshaus. Da fasse ich mir ein Herz und bitte die Wirtsfrau, ob ich wohl bei ihr das Kleinchen ein wenig waschen dürfte – gottlob, sie erlaubt’s und ich komme in einen warmen Raum. So voll Ruß und Staub war das Bübchen, hatte ich es doch nur mit Tee oder Alkohol oder Parfüm reinigen können.
Dann endlich ein Bauernfuhrwerk, auf dem wir recht unbequem saßen, eineinhalb Stunden bei strömendem Regen nach Ladenburg geschaukelt, über den Neckar ging’s auf Pontonbrücke, Kinder doll geschrien. Frau K. ging schließlich zu Fuß daneben und hielt Gepäckstücke fest. In Ladenburg nach etlichem Hin und Her endlich unser Gepäck verfrachtet (meine Reiskörbe unverschlossen, Sach zerrissen, nur lose zugebunden). Von jetzt ab waren wir von den Mitreisenden im Waggon getrennt, jeder musste zusehen, wie er allein weiterkam.
Montag, 20.8. Nicht einmal Kaffee gibt’s – ob ich noch genug Nahrung für’s Kindlein habe? Da geht K. und bettelt irgendwo Milch für mich, aber nichts bekommen. In einem Café erhält sie für 2,- (!!) eine Milchkanne voll schwarzen Kaffees. Das Rote Kreuz bittet sie um Brot, muß unsere Ausweisungsscheine vorzeigen, schildert unsere Lage – da erhält sie einen Schein mit Polizeistempel und darauf im Nebenraum eine dicke Scheibe Brot mit Marmelade. Große Freude der Kinder!

TEXTBEISPIEL 3:

1971 Reise in ein Pionierlager in der Sowjetunion Aus dem Tagebuch von Gerlinde F. (Sig.-Nr. 730)

6.8.1971 Ankunft in Kiew
Heute begann der Tag für uns schon um 2 Uhr. Nach europäischer Zeit war es erst 24 Uhr, denn wir befanden uns in einer anderen Zeitzone. Hier wurde eine Kontrolle durchgeführt. Ein sowjetischer Zollbeamter kontrolliert die Reiseanlagen und ein Zweiter schaute die Abteile genau an, ob auch keiner etwas mitgebracht hatte, was verzollt werden müsste. Bis um 7 Uhr hatten wir Aufenthalt. In dieser Zeit schlief ich das erste Mal während der Fahrt. Als ich aufwachte, wurden wir schon umgespurt. Es dauerte nicht lange, und nun ging es durch das weite schöne Sowjetland. Am Abend um 23 Uhr kamen wir in Kiew an. Als wir dort einfuhren, waren wir alle aufgeregt. Ob uns auf dem Bahnhof Leute und Komsomolzen empfangen würden? Endlich hatten wir den Bahnhof erreicht. Unsere Ohren vernahmen Musik. Alle standen wir an den Fenstern und winkten. Wir wurden mit deutschen Weisen und dem Gruß unseres Jugendverbandes „Freundschaft“ empfangen. Das war alles sehr beeindruckend. Wir stiegen aus. Das Gepäck stellten wir in eine Ecke und dann marschierten wir auf. Das Bahnhofsgelände war voller neugieriger Menschen. Unser Gruß hieß Druschba, der Gegengruß Freundschaft. Dann wurde eine Begrüßungsrede von den Freunden gehalten. Anschließend sagte Genosse Richter auch einige Worte. Das alles so herzlich, dass ich mit Mühe die Tränen zurückhalten musste. Man kann es gar nicht so schreiben und ausdrücken, wie es war.

"Frauen unterwegs zu Studium und Beruf"

TEXTBEISPIEL 1:

1944: "Mitten im Chaos" Aus dem Tagebuch von Renate P. (Sig.-Nr. 59 c)

21. Juli 1944
Inzwischen habe ich auch von der Semestereinsatzstelle die Einberufung zur BVB-Straßenbahn bekommen und bin sehr froh darüber. Schön wär’s, wenn es nun auch noch mit unserem Bahnhof klappt! Ich bin ganz toll gespannt, wie mir der Dienst zusagen wird!! Und dann kann ich tatsächlich sagen: „Meine Mutter, die Rüstungsarbeiterin und ich, die Schaffnerin - aber mein Vater: der Landesleiter und Direktor...!“ Verrückte Welt!!
Meine verschiedenen „Berufskameraden“ gefallen mir bis auf das Gros der Arbeitsmaiden, die sicherlich ordinär, frech und schamlos sind, und die deutschen Fahrer, die immer einen zweideutigen Witz parat haben, recht gut. Unsere jungen, zumeist sehr hübschen französischen Fahrer sind fast durchweg wohltuend höflich und trotz der Zudringlichkeit der Mädchen anständig geblieben.

TEXTBEISPIEL 2:

1948 - 73: Ost-West-Deutschland Aus „Erinnerungen einer Ärztin“ von Jutta N. (Sig.-Nr. 371)

Als der Vater dann 1970 in Bernburg starb, fiel ich wie in ein tiefes Loch. Langsam wurde mir bewusst, dass die eigentliche Motivation meines Verbleibens in dem SED-Staat mit seinem Tod nicht mehr vorhanden war. Als die Geschwister nach der Beerdigung wieder rüberfuhren, war es auch ihnen klar, dass ich nicht mehr dort bleiben könnte. Aber es gab ja noch gar keine offiziellen Möglichkeiten der Ausreise in meiner Situation. Man begann erst zaghaft in der neuen SPD-FDP-Koalition in Bonn, Kontakte in der DDR zu intensivieren. Frank knüpfte Kontakte zum Gesamtdeutschen Ministerium. Dort wurde ihm in meinem Fall wenig Hoffnung gemacht, mich legal rüberzukriegen. Einen illegalen Fluchtweg mit hohen Kosten und dem Risiko des Scheiterns lehnte ich ab. So zogen sich die Verhandlungen über drei Jahre hin.
Man riet zu dem einzigen Ausweg, nämlich, dass ich längere Zeit wegen Krankheit ausfallen müsse, so dass eine vorzeitige Berentung in Frage käme. Das mutete uns dieser Staat zu, also wurde das „schlechte Gewissen“ wieder auf mich, das unterste Glied projiziert! Das hatte Methode!! - Das machte mich wirklich krank! Aber es war meine einzige Möglichkeit zu überleben. Ich war mir klar darüber, dass ich alles „auf eine Karte“ setzte und wieder mal als armer Habenichts in eine wohlsituierte Gesellschaft käme, wo jeder sehen musste, wo er bleibt.

TEXTBEISPIEL 3:

1994: „Ausbildung und Schwangerschaft“ - aus „Anna“ von Maria S. (Sig.-Nr. 823)

Ein endloses Herumgerenne beginnt zwischen Schulverwaltung, Klinikumsverwaltung, Sozialamt, AOK und anderen Ämtern. Ich fühle mich psychisch und körperlich total am Ende. Lars meint, dass ich selbst schuld wäre, dass alles so gekommen wäre, weil ich keinen Druck gemacht hätte. Mit Druck hat das Ganze aber nichts zu tun. Es liegt an einem Fehler der für mich zuständigen Bearbeiterin. Ihr Vertreter schiebt mir die Schuld zu, ich hätte absichtlich falsche Angaben gemacht, und außerdem hätte ich bisher wohl mit meinem Freund zusammen gewohnt. Ich fühle mich total eingeschüchtert, bin schweißnaß, wenn ich vor diesem Menschen sitze.
Mein Konto ist im Minus, war haben noch immer keine Möbel und ich weiß nicht, wovon wir leben sollen. Meine Kurslehrerin schlägt mir vor, mich zum Sozialamt zu begleiten, um mit dem jetzt zuständigen Bearbeiter zu sprechen. Ich bin ihr dankbar. Sie erzählt von der Bierbank, von den fehlenden Möbeln, dem fehlenden Geld um zu leben, erklärt, dass ich nicht mehr arbeite, sondern nur noch das Examen mitschreiben werde. Er schlägt ein zinsloses Darlehen vor. Ich bin erleichtert, wenn mich auch der Gedanke quält, wie und wann ich dieses Darlehen zurückzahlen soll.
Ich bin völlig verunsichert und habe Angst, den Durchblick zu verlieren und am Ende immer noch keine Sozialhilfe zu bekommen. Auf dem Amtsgericht beantrage ich einen Freistellungsschein für eine Beratung bei einem Rechtsanwalt, den ich auch bekomme.
Ein erlösendes Ereignis mischt sich unter das endlose Hin und Her. Ich darf die Tabletten absetzen, das Baby darf jetzt zur Welt kommen. Vor der Geburt habe ich keine Angst mehr, ich bin glücklich, mein Kind selbst auf die Welt bringen zu dürfen.

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