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Stefanie Surd-Büchele: "Tagebuch: Schreiben und Denken. Beiträge zu einer empirischen Verhältnisbestimmung." Dissertation, vorgelegt an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften 2011
Ihr Kapitel über "Schreiblust", die für viele Tagebuchschreibende zentraler Antrieb ist, beginnt Stefanie Surd-Büchele mit Ausführungen über das Spiel, um diese dann mit dem Tagebuchschreiben in Verbindung zu bringen (Auszüge aus den Seiten 96-100):
"Wichtig ist dabei also die reine Freude oder Lust an der Aus- oder Durchführung einer Tätigkeit ohne damit einen bestimmten Zweck zu dienen oder zu verstehen, was die Ursache dieser positiven Gefühle ist. Im Folgenden wird argumentiert, dass auch das Tagebuch-Schreiben als nicht institutionell geprägte und damit individuell stark ausgestaltbare Form des Schreibens Züge eines solchen spielerischen Handelns tragen kann bzw. dass aus der Freude an der Tätigkeit des Schreibens, die damit gleichzeitig als gestaltendes, schöpferisches Tun aufgefasst wird, verschiedene höhere psychische Funktionen erwachsen können.
Die bisher getroffenen Aussagen zum Spiel lassen sich in einigen wesentlichen Punkten auf das Tagebuch-Schreiben übertragen. So handelt es sich beim Tagebuch und hier besonders beim Papier-Tagebuch um eine Form des Schreibens, die sich nicht an außenstehende Personen richtet, so dass das dort Aufgeschriebene keine Konsequenzen für die Beziehung der Schreibenden zu ihrer Umwelt hat. So kann sich die schreibende Person beispielsweise im Tagebuch völlig neu erfinden (im Sinne eines Rollenspiels) oder es können Freunde in einem Eintrag massiv beschimpft werden, ohne dass ihnen dies bekannt wird, was wiederum wahrscheinlich erheblichen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Freundschaft hätte.
Weiterhin lebt das Tagebuch von der Regelmäßigkeit des Schreibens über einen längeren Zeitraum, womit es ein fester Bestandteil des Alltags wird, in dem der Schreibvorgang als stetig wiederkehrender Prozess die Form eines Rituals annehmen kann, womit er ebenfalls dem Spiel gleicht. Durch die stete Wiederkehr der äußerlich immer gleichen Tätigkeit kann es zu einer Intensivierung des Schreibprozesses kommen, gleichzeitig eröffnet diese regelhaftigkeit einen Rahmen für andere im Schreiben stattfindende Prozesse wenn ohnehin geschrieben wird, können z.B. auch Probleme thematisiert werden.
Diese eben genannte Regelmäßigkeit erfordert ein hohes Maß an Disziplin, die der Schreibende aus sich heraus entwickeln muss.Er braucht mit anderen Worten eine hohe Motivation, die u.a. mit dem Flow-Konzept von Csikszentmihalyi (1985,1988) zu erklären ist. So ist anzunehmen, dass letztlich nur Menschen, die gern schreiben langfristig eine derartige Schreibdisziplin aufbringen können. Dabei bedeutet "gern schreiben" in diesem Sinne, dass der Schreibprozess für die schreibende Person mit positiven Erfahrungen verknüpft ist, die sich einstellen, weil sie beispielsweise genau weiß, was wie zu tun ist, weil sie sich optimal beansprucht fühlt und trotz ausreichend hoher Anforderungen das sichere Gefühle hat, dass sie die Aufgabe im Griff hat, weil der Schreibprozess einer inneren Logik zu entsprechen scheint, keine aktive Konzentration mehr nötig ist, die Zeit vergessen wird und sich die Person als eins mit ihrer Tätigkeit fühlt. Derartige Erlebnisse werden von Schreibenden immer wieder beschrieben, wobei häufig das Gefühl formuliert wird, dass nicht mehr die schreibende Person selbst agiert, sondern etwas in ihr "es schreibt". Damit liegt die Bedeutung des Schreibens eindeutig im Schreibprozess mit seinen Möglichkeiten des Ausprobierens und Gestaltens, während das Schreibprodukt nach Ende der Schreibtätigkeit oft unmittelbar beiseite gelegt wird und keine weitere Aufmerksamkeit erfährt.
Weiterhin kann das Schreiben als Form künstlerischer Tätigkeit angesehen werden. Neben der Arbeit an der Formulierung oder dem Aufgreifen anderer Textarten wie Gedicht oder Brief kann zusätzlich die visuelle Dimension der Schreibtätigkeit z.B.durch Farbgebung, Schriftwahl oder das Hinzufügen von Bildern ausgestaltet werden. Das beim Schreiben entstehende sichtbare Produkt kann damit immer auch als persönliche Spur gesehen werden, als eine subjektive Vergegenständlichung der/des Schreibenden."
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